Triebfeder für Kommunikation und Innovation

Arbeitsplatzgestaltung

Triebfeder für Kommunikation und Innovation Vor knapp 20 Jahren hat Stimorol am Firmensitz in Zug mit einem Bächlein durchs Grossraumbüro viel Aufmerksamkeit erregt. Heute bietet Google seinen Mitarbeitenden Schaumgummiwürfelpools und Spielkonsolen. Fördert das die besten Einfälle?

Stimorol Büro

Text: Diana von Ow Unternehmen brauchen kreative Köpfe, weil diese auf die verändernden Märkte reagieren können. Gefragt sind kreative Lösungen kniffliger Probleme, schlaue Ideen bei schweren Entscheidungen und möglichst unkonventionelles statt herkömmliches Denken. Und so entstehen aus zündenden Ideen die Innovationen, die die Unternehmenszukunft sichern. Ein Unternehmen kann diese Talente bei der Konkurrenz, meist für viel Geld, abwerben oder bei Hochschulen und Universitäten verheissungsvolle Jobeinsteiger rekrutieren. Das ist zwar günstiger fürs Lohnkonto, dafür umso risiko-reicher, weil man mit einem jungen Einsteiger gewissermassen die Katze im Sack kauft. Diese beiden konventionellen Wege, die zu kreativen Köpfen im Unternehmen führen, sind für manches KMU nicht die erste Wahl. Zu teuer, zu aufwendig, zu unsicher.

Eigene Ressourcen anzapfen Jeder Mensch ist von Natur aus kreativ. So die Meinung des deutschen Hirnforschers Ernst Pöppel. Die Wissenschaft ist heute so weit, dass viele überzeugt sind, dass die Kreativität geweckt und erlernt werden kann (Michael Knieß 2006). Warum also nicht die bestehenden Ressourcen, das Potenzial der eigenen Mitarbeitenden besser nutzen? Dieser Weg zu mehr Kreativität und Innovation im Unternehmen ist aber auch heute immer noch einer der unkonventionellen. Und dies, obwohl bereits vor knapp 20 Jahren ein gelungenes Beispiel die Runde in den Schweizer Medien machte. Als «Pionier» schuf der Kaugummihersteller Stimorol eine inspirierende Bürolandschaft und beschritt dabei einen bunten Weg, der – im wahrsten Sinne des Wortes – über Brücken führte, wie das nachfolgende Beispiel zeigt.

Ausgangslage bei Stimorol. Bei der ehemaligen Schweizer Tochter des dänischen Süsswarenherstellers Stimorol mit heutigem Sitz im zürcherischen Opfikon, die seit 2012 zur Kraft-Foods-Gruppe gehört, stand man vor 19 Jahren kurz vor der Inbetriebnahme eines neuen Standorts in Zug. Die Mitglieder der Direktion besuchten mit Sicht auf den Umzug ein Kreativseminar, das der Bündner Erich Chiavi leitete. Im Anschluss daran wollten sie die neu gewonnenen Erkenntnisse mithilfe des Kreativ-Coachs umsetzen. Denn die Situation am alten Standort war nicht mehr zeitgemäss und unbefriedigend. Die Mitarbeitenden verbrachten fast die gesamte Arbeitszeit in Einzelbüros, wo sie eine sehr eigenständige Arbeitsweise pflegten. Es fand nur wenig Kommunikation zwischen den Kollegen und Kolleginnen statt. Die privaten Telefongespräche waren umso intensiver. Die Direktion wollte die Mitarbeitenden näher zusammenbringen und glaubte an die Reaktivierung der Kreativität durch eine inspirierende Arbeitsumgebung. Erich Chiavi präsentierte sein Konzept einer Erlebnislandschaft erst einmal als dreidimensionales Modell.

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Es veranschaulichte, wie ein Raum Flexibilität und Kreativität ermöglichen und fördern kann. In Gesprächen konnten sich auch die Mitarbeitenden äussern und fanden die Ideen von Erich Chiavi interessant. Und so wurden am neuen Standort die vorgeschlagenen Elemente etappenweise aufgestellt, wie die Kulissen in einem Theater.

Paravan

Zusammen mit den Mitarbeitenden wurden je nach Wunsch Pflanzen und Gegenstände (wie beispielsweise Regale oder Sichtschutzwände) zur Abgrenzung des eigenen Arbeitsbereiches platziert.

Sinn und Sinnlichkeit. Es entstand ein grossflächiger, offener Raum mit mehreren abgeschirmten Büroinseln, die die einzelnen Abteilungen beherbergten.

Stimorol

Zusätzliche Elemente, wie etwa ein Wasserlauf mit kleinen Brücken, eine mit Erde und Blumen gefüllte Schubkarre und farbig aufeinander abgestimmte Trennwände mit abgerundeten Ecken, schafften ein für alle Sinne abwechslungsreiches Arbeitsumfeld.

Stimorol 2

Aus der Sicht der Wissenschaft sind eine anregende Umwelt sowie die intensive und ausdauernde Beschäftigung mit einem Gebiet nötig für die Kreativität und die damit verbundenen kreativen Lösungen.

Stand der Wissenschaft. Die ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts boomenden Kreativitätstechniken wie etwa das «Mindmap», das von Tony Buzan geprägt wurde, oder das «Brainstorming», aus dem Jahr 1939 von Alex F. Osborn, mögen zur Entscheidungsfindung beitragen, für sich alleine bieten diese Techniken jedoch keinen Garant für kreative Lösungen. So kann auch eine Wertanalyse nicht ohne den entscheidenden Funken Kreativität zur Lösung eines komplexen Problems führen. Das bestätigt die systematische Erforschung der menschlichen Kreativität, die erst mit dem amerikanischen Psychologen, Persönlichkeits- und Intelligenzforscher Joy Paul Guilford ihren Anfang nahm. Heute wird angenommen, dass die wichtigsten Motivationsfaktoren – neben der individuellen Begabung Interesse, Neugier und die Selbstwertsteigerung sind (Holm-Hadulla 2010). Werden diese Faktoren gezielt gefördert, wird eine Basis für den kreativen Prozess geschaffen. Und der kommt im Besonderen dann in Gang, wenn das Gehirn von Aufmerksamkeit in einen entspannten Zustand wechselt. Im Entspannungsmodus gelangen vermehrt Sinnesreize ins Bewusstsein, die während der Fokussierung des Gehirns auf eine Aufgabe ignoriert würden. In Verbindung mit den Erinnerungen entstehen daraus Gedankenstränge und Ideen.

Tisch

Da kreative Denkprozesse weitgehend unbewusst ablaufen, entstehen kreative Einfälle im Traumschlaf oder in Gesprächen. Beim Formulieren gelangen die Ideen schliesslich ins Bewusstsein. Darum gilt allgemein das Gespräch als Ka-talysator für kreative Gedanken.

Schaffung von Ideenpools. Bei Stimorol ist darum inmitten der Bürolandschaft als zentrales Element eine Rundküche entstanden. Sie ermöglicht unkomplizierte Gespräche unter den Mitarbeitenden während der gemeinsamen Pausen und Mahlzeiten. Für die geschäftlichen Besprechungen hat der Kreativ-Coach den Stimorol-Teams Tische mit abgerundeten, blumenartigen Tischplatten empfohlen. Somit war der übliche rechteckige Sitzungstisch und das stickige, vielerorts meist grau-triste Sitzungszimmer für die Teams bei Stimorol passé. Im Zusammenhang mit der innerbetrieblichen Förderung der Kreativität wird heute aber kaum mehr vom 20-jährigen Pionier aus Zug gesprochen, der damals sogar beim Schweizer Fernsehen für Interesse sorgte und ein ganzes Filmteam durch die Bürolandschaft führte. Als leuchtendes Beispiel gilt heute das US-amerikanische Suchmaschinen-Unternehmen Google. Bei Google in Zürich können die Mitarbeitenden in ausrangierten Bergbahngondeln Meetings abhalten oder sich in einen grünen Dschungel mit einem überlebensgrossen Krokodil aus Plüsch zurückziehen. Im Google-Zentrum in Hamburg finden sich Räume, die aussehen wie eine alte U-Bahn, wie Flugzeugabteile oder es kleben massenhaft Matchboxautos an den Wänden.

Spielereien bei Google. Bei Google herrscht der Glaube vor, dass Kreativität im Zusammensein entsteht. So können die Mitarbeitenden auch mal eine Runde Fifa mit Kollegen an der Playstation oder eine Partie Billard am hauseigenen Tisch spielen. Doch kreative Erlebniswelten wie die von Google, wo sich die Besucher fragen, ob die schrille Bürolandschaft eher an Disneyland oder an einen Indoor-Spielplatz erinnert, schiessen übers Ziel hinaus. So die Meinung des Kreativ-Coachs Erich Chiavi: «Es braucht ein vernünftiges Mittelmass, das bei Google überschritten wurde». Nach Chiavi führen aber Flipperkästen und ein Pool mit türkisfarbenen Schaumstoffwürfeln nur zu überflüssigen Spielereien. «Wir benötigen zwar kreative Segmente, die zum wertvollen Denken anregen. Das aber verlangt Kenntnis davon, was am Ende zum höheren Umsatz führt und was den Erfolg eher verhindert denn unterstützt».

Einflussfaktor Umgebung. Bei Stimorol in Zug haben die von Kreativ-Coach Erich Chiavi vorgeschlagenen Massnahmen viel bewirkt. Die Mitarbeitenden fühlten sich im Team und in der neuen Umgebung wohl und fanden ihre Arbeitsplätze «hipp», wie der ehemalige CEO, Alex Minder bestätigt. Attraktiv waren die Räumlichkeiten auch für die externen Besucher. Besonders fasziniert waren sie jeweils vom kleinen Bach, der sich durch den Raum schlängelte. «Das war damals schon sehr modern und alle fanden das toll», erinnert sich Minder. «Die Umstrukturierung hat uns viel gebracht und war durchaus nachhaltig. Auch nach zehn Jahren fanden wir das extra für uns massangefertigte Mobiliar immer noch gut. Insofern hat sich die Investition gelohnt.» Ob er diesen Weg wieder gehen würde? «Ja, bestimmt. Doch wird die Gestaltung des Arbeitsraums erst dann seine volle Wirkung zeigen, wenn schon eine offene Kultur besteht. Dann wirkt so eine Arbeitsumgebung wie ein Katalysator.»

Operative Vorteile. Die neue Bürolandschaft bei Stimorol hatte aber auch grosse operative Vorteile. Besonders die Kommunikation habe sich verbessert, sagt Alex Minder. «Da wir alle in einem Raum gearbeitet haben, waren die Kommunikationswege sehr kurz. Ich war im Zentrum des Raums, der wie ein grosses ‹L› angelegt war und habe dadurch sehr viele Informationen von allen Abteilungsinseln bekommen.» Die Konsequenz daraus war einerseits, dass es viel weniger Meetings gab und andererseits, dass viel schneller Entscheidungen gefällt werden konnten. «Wenn es zum Beispiel in der Logistik ein Problem gab, konnte ich sofort eingreifen», sagt Alex Minder. Der Kreativ-Coach Erich Chiavi ist überzeugt, dass in einer ansprechenden Umgebung nicht nur mehr kommuniziert wird, sondern auch insgesamt länger am Arbeitsplatz verweilt, also gearbeitet wird. Auch die Absenzen durch Krankheit können dadurch auf ein Minimum reduziert werden. Die positiven Feedbacks haben dies für ihn bestätigt. Das bald 20-jährige Beispiel des Pioniers Stimorol zeigt, dass mit der Gestaltung des Arbeitsbereiches die wichtigste Voraussetzung für kreative Ideen, die Kommunikation, deutlich gefördert werden kann. Der Mut zur Veränderung und die Offenheit für die Vorschläge des Kreativ-Coaches Erich Chiavi haben sich rückblickend für Stimorol ausgezahlt. —

Raum für Kreativität. Ein klobiger Sitzungstisch, kahle Wände und kaltweisses Neonlicht sind Gift für kreative Höhenflüge. Wen wunderts! Natürlich ist eine durchdesignte Arbeitsplatz-inselwelt das pure Gegenteil davon. Man kann aber auch bereits mit kleinen Veränderungen aus einem Raum mit spartanischer Tristesse, einen besseren Ort machen. Wir geben acht einfache Tipps, die auch mit einem kleinen Budget umgesetzt werden können:

Mobiliar: Eine gemütliche Lounge hilft dem Gehirn, sich zu entspannen, was in einem farblosen und unpersönlichen Sitzungszimmer mit höchst minimalistischem industriecharme kaum möglich ist. Ein altes Sofa kann wahre Wunder wirken. Bezeichnung: Ein Name fürs Sitzungszimmer sorgt schon vor dem Gespräch für eine gute Stimmung: «Achtung: Meeting in der ‹Teppichetage› um 15 Uhr».

Flexibilität: Verschiebbare Möbel (Stehtische, Zeichnungswände, Sessel und so weiter) ermöglichen es, einen Raum neben den wöchentlichen Meetings auch für andere Aktivitäten zu nutzen (zum Beispiel für Aperos, Schulungen, Informationsveranstaltungen, etc.)

Beleuchtung: Veränderbares Licht hilft eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Denn die Beleuchtung trägt massgeblich zur entspannten Atmosphäre bei, weil der Körper unbewusst darauf reagiert.

Raumluft: Lieber keine Klimaanlage. Stattdessen sollten die Fenster (oder Balkontüre) dafür sorgen, dass die Synapsen mit ausreichend Sauerstoff versorgt werden.

Schall: Ein hallender Raum wirkt unpersönlich und nicht einladend. Ein Teppichboden dämpft den Schall im Raum. Gut auch für die Ohren, wenns mal etwas lauter wird. Pflanzen: … sorgen für ein gutes Raumklima und sind eine Inspirationsquelle. — KMU-MAGAZIN Diana von Ow Layout & redaktionelle Mitarbeit

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Über Erich Chiavi

Raum- und Farbphysiologie
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